Spanien: beeindruckender El Escorial

El Escorial | Spanien

El Escorial | Spanien

Manche Geschichten kann ich erst Jahre später in Worte fassen. Wie das zutiefst berührende Gefühl, das ich im El Escorial in Spanien hatte. Ein Gefühl, dort jemanden gefunden zu haben, den ich schon lange suchte.

14. November 2015: Seit Jahren fahre ich gerne nach Madrid und genieße die abwechslungsreiche spanische Hauptstadt. So gerne ich Madrid mag, so schön ist es auch die Umgebung zu erkunden. Denn die Stadt ist laut, voller Menschen, quirligem Leben, im Sommer unfassbar heiß und hat nur wenig Grün.

San Lorenzo de El Escorial | Spanien

San Lorenzo de El Escorial | Spanien

Sich die Umgebung von Madrid zu erobern ist ganz einfach. Mit dem Auto sowieso, aber auch mit dem Bus. Die Verbindung mit Bus und Zug klappt in Spanien ganz wunderbar und ist viel günstiger als bei uns. Vom Nordbahnhof in Madrid steuern Busse viele Städte und Dörfer im Norden der Stadt an. So mache ich mich an einem sonnigen November-Wochenende auf den Weg zum El Escorial, das rund 45 Kilometer im Nordwesten von Madrid liegt.

Es ist der perfekte Herbsttag für einen Ausflug aufs Land. Die Bergkette der Sierra de Guadarrama sieht man relativ schnell, wenn man die Grenzen der Stadt erreicht. Ganz nackig sind die Berge, wenn man sie mit unseren bayrischen Voralpen vergleicht. Doch die Luft ist frisch und belebend und ich freue mich auf meinen kleinen Ausflug.

El Escorial | Spanien

El Escorial | Spanien

Vom Busbahnhof des Städtchens San Lorenzo de El Escorial ist es nur ein kurzer Fußweg zu meinen Ziel. Ganz lange will ich diesen besonderen Ort schon besuchen. Einmal hatte ich es versucht und bin an einem Montag dort gelandet. Leider geschlossen. Heute hätte der Tag nicht perfekter dafür sein können. Die Baumallee empfängt mich und führt mich direkt zum Escorial. Wie ein Kunstwerk ist die Farbenpracht der Bäume. Der trockene Wind streicht mir angenehm um die Beine und die Sonne weist den Weg. Nur wenige Besucher sind im November hier und so genieße ich den Spaziergang und das „hier sein“.

El Escorial | Spanien

El Escorial | Spanien

Ich nehme mir erst einmal Zeit, hier anzukommen. Schließlich denke ich seit zehn Jahren daran, diesen Ort zu besuchen. Wie schön und beeindruckend er ist, hätte ich nicht gedacht. Mit seiner monumentalen Größe strahlt er eine wunderbare Ruhe aus. Die Besucher schlendern langsam über den großen Platz, als ob jeder von ihnen genau wie ich die Stimmung behutsam aufsaugen und ja nicht stören möchten.

Die gewaltige Schloss- und Klosteranlage der Real Sitio de San Lorenzo de El Escorial (Königlicher Sitz Sankt Laurentius von El Escorial) ist der größte Renaissancebau der Welt. 207 Meter Länge und 161 Meter Breite misst die Anlage, in deren Mittelpunkt sich eine mächtige Kirchenkuppel 90 Meter hoch erhebt. Auf Initiative des streng gläubigen Königs Philipp II. von Spanien wurde sie in den Jahren 1563 bis 1584 nach Plänen von Juan Bautista de Toledo und unter langjähriger Bauleitung von Juan de Herrera erbaut.

El Escorial | Spanien

El Escorial | Spanien

Als ich dort ankomme, weiß ich nichts über die Geschichte. Also nehme ich mir einen Audio-Guide und lasse mir von meinem technischen Begleiter allerlei Details erzählen. Ich habe ihn mir in Spanisch ausgesucht. Daher ist mir auch klar, dass ich viele historische Fakten nicht verstehen werde. Aber das ist mir nicht so wichtig. Ich mag die Sprache und sehe es mehr als eine Übung, darin besser zu werden. Außerdem gibt es mir das Gefühl, von einem Einheimischen in diese beeindruckenden Räume eingeführt zu werden. Der Rundgang führt mich durch unzählige Räume, bedeutende Gemälde und lässt mich immer wieder auf die wunderschöne, sonnenbeschienene Gartenanlage blicken.

El Escorial | Spanien

El Escorial | Spanien

Besonders gefesselt war ich von den königlichen Gräbern unter der Kirche. In der Gruft liegen die Sarkophage fast aller spanischen Könige. Sie sind hierarchisch aufgeteilt in den Pantheon der Könige und den Pantheon der Infanten. Zuerst versuche ich, die Namen zu lesen und den Königen und Königinnen den ihnen gebührenden Respekt zu zollen. Aber es sind einfach zu viele. Nur das Lesen der Namen dauert so lange, sodass ich dazu übergehe, durch die Gruft zu schlendern und nur an einzelnen Sarkophagen stehen zu bleiben.

Don Juan de Austria | El Escorial

Don Juan de Austria | El Escorial

Ein Sarkophag zieht mich sofort in seinen Bann. Er berührt mich zutiefst und lässt mich gar nicht mehr los. Er steht in einer Nische alleine für sich. Ich bin zu Tränen gerührt und muss mich zwingen, dass sie mir nicht in Strömen das Gesicht runter laufen. Nicht weil ich traurig bin, sondern weil ich das Gefühl habe, „ihn“ wieder gefunden zu haben. Was für ein wunderschönes Gesicht! Die Haare erinnern mich an meinen Mann. Ich fühle mich tief verbunden mit dem aus weißen Marmor gearbeiteten Ritter. Die schlanken Hände sind mir vertraut. Auch diese sind wunderschön. Ich gehe vom Sarkophag in die nächsten Räume. Doch ich muss noch einmal zurück. Ein Bild machen von diesem wunderschönen Mann und noch eine Weile bei ihm sein. Ihm nahe sein. Ich bin überwältigt und spüre das Gefühl und die Verbundenheit auch noch später am Abend, während ich versuche herauszufinden, wer er war.

Durch das Schild an dem Sarkophag finde ich den Mann mit königlichem Geblüt im Netz. Es ist Juan de Austria geboren am 24. Februar 1547 in Regensburg, gestorben am 1. Oktober 1578 in Bouge im heutigen Belgien. Er war Sohn Kaiser Karls V. und der bürgerlichen Regensburger Gürtlerstochter Barbara Blomberg.

Don Juan de Austria | El Escorial

Don Juan de Austria | El Escorial

Don Juan de Austria, getauft auf den Namen Johann, wuchs ohne die Kenntnis seiner tatsächlichen Abstammung auf. Auf Geheimbefehl seines Vaters wurde er im Alter von drei Jahren von der Mutter getrennt und unter dem Namen Gerónimo nach Spanien gebracht. Sein Vater offenbarte sich bis zu seinem Tod nicht dem Sohn, erkannte ihn aber in seinem Testament als leibliches Kind an. Karls Nachfolger auf dem spanischen Thron, König Philipp II., führte nach dem Tod des abgedankten Kaisers seinen Halbbruder 1559 als Don Juan de Austria bei Hofe ein, wie es der Vater testamentarisch verfügt hatte. Don Juan de Austria war Befehlshaber der spanischen Flotte z.B. gegen die Mauren, bei Neapel siegreich gegen die Osmanen. Seinen Anteil an der Kriegsbeute überließ er den Verwundeten, zu denen auch der große spanische Dichter Miguel de Cervantes gehörte. Don Juan sollte Statthalter in den Niederlanden werden. Im Oktober 1576 verließ er Spanien und reiste zunächst nach Luxemburg, wo er seine Mutter zum ersten Mal traf. Er Konnte sich in Belgien nicht durchsetzen und zog sich nach Namur (in Belgien) zurück. Er entging einem Mordanschlag und starb mit nur 31 Jahren. Über Todesursache wird bis heute spekuliert. War es Gift oder Typhus, die den jungen Helden dahinraffte? Auf Wunsch seines Halbbruders, König Philipp II. von Spanien, sollte der Leichnam von Don Juan de Austria nach Spanien überführt werden. Letztlich wurde er im El Escorial, der Grablege der spanischen Könige, beigesetzt. Sein Herz wurde im belgischen Namur feierlich bestattet.

In seiner Geburtsstadt Regensburg erinnert seit 1978 auf dem Zieroldsplatz, gleich neben dem alten Rathaus eine Statue an Don Juan de Austria. Ich selbst bin außerhalb von Regensburg aufgewachsen. Die imposante Bronze-Statue ist dort jedem ein Begriff. Don Juan de Austria ist in der Stadt an einem zentralen Ort präsent und überblickt das Treiben in der Stadt bis heute. Noch nie habe ich mich ihm so nahe gefühlt wie im 2.133 Kilometer weiter entfernten El Escorial.

El Escorial | Spanien

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