Einen Monat auf …

Couchgeflüster

Normalerweise berichte ich in dieser Rubrik von einem Monat „in“ – vier Wochen, die ich in einer anderen Stadt oder in einem andern Land verbringe. Dann packe ich einen kleinen Koffer, schnappe meinen Computer und tauche vier Wochen in einer anderen Umgebung wieder auf. Bereichert um neue Eindrücke, beglückt mit neuen Erlebnissen und beschenkt mit netten Begegnungen kehre ich nach Hause zurück. Wie viele neue Erkenntnisse sich nach vier Wochen auf der Couch ergeben können, hätte ich nicht für möglich gehalten.

Arbeiten aus dem Ausland empfinde ich als großen Luxus. Es durchbricht meinen Alltag und zwingt mich, immer wieder von vorne anzufangen. Mit einer neuen Sprache zurecht zu kommen, seinen Weg zu finden, Essen aufzuspüren und sich dem Rhythmus der neuen Umgebung anzupassen.

über Wochen meine ständigen Begleiter in frischem Türkis

All das durfte ich Ende März ebenfalls erleben. Nur ungeplant und unbeabsichtigt. An einem Ort, den ich mir sicher nicht freiwillig ausgewählt hätte: Auf meiner Couch. Vier Wochen hatten meine Couch und ich ein ausgesprochen inniges Verhältnis. Ich konnte mich kaum von ihr trennen, belegte jeden Zentimeter ihrer ausladenden L-förmigen Fläche und kuschelte mich Tag wie Nach bei ihr ein. Sie war das Zentrum meines Lebens, der Ort meiner sozialen Aktivitäten und der Platz für meine Nahrungsaufnahme. So sehr verbunden war ich mit ihr, dass mir eine Trennung fast unmöglich erschien.

Skifahren in Lech am Arlberg | Österreich

Mein sonst so aktiver Körper und Geist wurden von einem auf den andern Moment komplett gestoppt. Nur eine Sekunde dauerte es, die mich von der Beweglichkeit in den Ruhemodus schickte. Eine falsche Drehung auf dem Ski und peng – gerissen war mein Kreuzband im Knie. Und plötzlich nahm mein Leben einen ganz anderen Rhythmus an. Nichts ging mehr alleine. Für alles brauchte ich Hilfe. Vor allem am Anfang, als mein Bein nach der Operation einer dicken, angeschwollenen Weißwurst glich.

Blick aus dem Wohnzimmer von der Couch

Jede Bewegung ging mit strategischer Planung einher. Geduld und Gelassenheit lehrte mich mein Knie. Und Langsamkeit, denn schnell schnell wollte mal gar nichts gehen. Als ich mich nach und nach wieder auf die Straße wagen konnte, verstand ich, warum alte Menschen oft mitten über die Straße gehen und nicht den 20 Meter weiter entfernten Zebrastreifen nutzen. Wenn jeder Schritt eine Herausforderung ist, lässt man den Zebrastreifen links liegen. Selbst das Anstehen beim Bäcker war anfangs ein echter Kraftakt. Und ich verstand, warum es alte Menschen manchmal so eilig haben, selbst wenn sie alle Zeit der Welt besitzen. Ich lernte die Langsamkeit zu genießen und eines nach dem anderen zu machen. Ich sortierte aus, was nicht dringend war und konzentrierte mich auf die wichtigsten Dinge, weil alles so viel länger brauchte.

Frühlingsblühen vor dem Haus

Ich freute mich über jeden Schritt der leichter wurde und jede kleine Verbesserung, die ich wahrnahm. Ich erlebte eine große Solidarität unter Krücken-Gehern. Fast wie beim Hundespaziergang kamen wir schnell ins Gespräch. Ich freute mich über meine Umgebung, die rücksichtsvoll auf mich achtete und mir in der U-Bahn einen Sitzplatz anbot. Ich nahm war, wie schwierig es ist, wenn man aus dem Tempo fällt in einer schnellen Stadt und wie bedrohlich das auf mich wirkte.

Noch heute ist mein Knie nicht wieder da, wo es vor dem Kreuzbandriss war. Aber es fehlt nicht mehr viel. Ab und an merke ich, dass ich die gelernte Langsamkeit, die dazwischen so gut tut, wieder vergessen habe. Es fällt mir auf, wenn ein paar Bewegungen eben doch noch nicht so klappen wollen. Und dafür ist es gut. Denn wie aus meinen Auslandsaufenthalten „in“ einem anderen Land, so soll doch auch der der Monat „auf“ meiner Couch nicht umsonst gelegen sein.

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