Die vergessene Generation

Ein Buch, was mich sehr bewegt hat. Was mir eine Freundin empfohlen hat, die es zusammen mit ihrem Vater gelesen hat. Ihrem Vater, der Teil der „vergessenen Generation“ ist. Ein Buch, das einen Teil der deutschen Geschichte beleuchtet, über den bislang nie gesprochen wurde. Erfahrungen, die von der ‚vergessenen Generation’ – den Kriegskindern – oft bis heute nicht verarbeitet wurden. Erlebnisse, die sich in die Psyche der Kriegskinder so tief eingegraben haben, dass sie auch über die Generationen hinweg Auswirkungen hatten. Tief in den Menschen vergrabene Gefühle, die nie zum Vorschein kamen und sich doch in so vielen Bereichen des Lebens auswirkten. Traumata, die in die nächste Generation getragen wurden, ohne dass die Kinder der Kriegskinder jemals wussten, woher ihre Ängste kamen.

Sabine Bode behandelt ein deutsches Thema, über das vorher nie gesprochen wurde. Sie schreibt über die vergessene Generation der Kriegskinder. Sie haben den Bombenkrieg oder die Vertreibung miterlebt, ihre Väter waren Soldaten, in Gefangenschaft oder sind gefallen. Diese Kriegsvergangenheit zeigt auch heute noch in vielen Familien Spuren bis in die zweite und dritte Generation hinein. Das Buch ist nicht nur für die ehemaligen Kriegskinder, die in etwa die Jahrgänge von 1930 bis 1945 umfassen. Es ist auch ein Buch, das den Jüngeren hilft, ihre Eltern besser zu verstehen.

Die Autorin erzählt persönliche Geschichten und Schicksale einzelner Kriegskinder. Oft leiden diese an den Folgen ihrer verlorenen Kindheit, die zwischen zerbombten Häusern, der Sorge ums Überleben und mangelnder Liebe und Fürsorge durch ihre Eltern geprägt war. Erst viele viele Jahre später versuchen sie diesen Mangel, den sie und ihre Eltern nie als Mangel akzeptiert und zugelassen haben, zu verstehen und aufzuarbeiten.

Oft sind es die Geschichten von Menschen, die nach dem Krieg vertrieben wurden und sich ihr Leben von ganz vorne aufbauen musste. Wie ich Euch hier schon einmal berichtet hatte, ist auch die Familie meiner Mutter nach dem Krieg aus Mähren vertrieben worden.  Mit ein Grund, warum mich die Erlebnisse der Menschen, die Sabine Bode getroffen hat, stark berührt und sehr interessiert haben. So sehr, dass ich mir gleich das Nachfolger-Buch „Kriegsenkel – Die Erben der vergessenen Generation“ gekauft und ebenfalls verschlungen habe.

In diesem Buch geht es um die Kriegsenkel, die heute 35- bis 50jährigen Kinder der „Kriegskinder“. Die Autorin verdeutlicht mit diesem Buch anschaulich die weitreichenden transgenerationalen Auswirkungen auf ihre Erziehung und Entwicklung und sogar auf ihre gegenwärtigen Beziehungen. Wie der Schrecken des Zweiten Weltkrieges bis heute in vielen Familien fortwirkt.

Für mich waren beide Bücher ein Aha-Erlebnis. Mir war immer klar, dass sich genetische Merkmale wie Haar- und Augenfarbe, die Statur und selbst Charaktereigenschaften vererben. Ich war mir nicht darüber bewusst, dass sich auch Erlebnisse und Erfahrungen vererben, selbst wenn nicht darüber gesprochen wird. Nicht nur über die Erziehung, sondern auch über tatsächliche Vererbung. Weil auch prägende Erlebnisse und Erfahrungen sich genetisch im Zellkern unserer Körperzellen abspeichern. Gut, wenn man darum weiß und damit selbst entscheiden kann, ob man diese vererbten Erfahrungen annehmen, ignorieren, aufarbeiten und im Idealfall sogar auf-lösen möchte. So oder so  – absolut lesenswert!

Info:
Die vergessene Generation – Die Kriegskinder brechen ihr Schweigen, Sabine Bode, Klett-Cotta Verlag, 2004, 17. Auflage 2014
Kriegsenkel – Die Erben der vergessenen Generation, Sabine Bode, Klett-Cotta Verlag, 2009, 11. Auflage 2014

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